Splashdown: Tag 10 — Orion kommt nach Hause
Nach zehn Tagen im All, einem historischen Mondvorbeiflug und 694.481 zurueckgelegten Meilen (1.117.800 km) kehrte die Artemis-II-Crew am 10. April zur Erde zurueck. Die Wasserung erfolgte um 20:07 Uhr EDT (5:07 PM PDT) im Pazifik vor der Kueste von San Diego.
Die erste Wasserung eines bemannten Tiefraum-Raumschiffs seit Apollo 17 im Dezember 1972 — vor ueber 53 Jahren.
Tag 10 auf einen Blick
- Missionsdauer (gesamt)
- ~10 Tage
- Zurueckgelegte Strecke
- 694.481 Meilen (1.117.800 km)
- Spitzengeschwindigkeit beim Wiedereintritt
- ~38.400 km/h (23.864 mph)
- Max. G-Belastung
- ~3,9 G
- Splashdown
- ~20:07 EDT, Pazifik vor San Diego
- Bergungsschiff
- USS John P. Murtha
Der Morgen: Letzte Vorbereitungen
Die Crew wurde mit “Run to the Water” von Live und “Free” von Zac Brown Band geweckt. Beim Aufwachen war Orion noch 61.326 Meilen (98.700 km) von der Erde entfernt. Dann begann das Protokoll:
- Letzte System-Checks aller kritischen Wiedereintritts-Systeme
- Anziehen der Orion Crew Survival System Suits (OCSSS) — die orangefarbenen Ueberlebensanzuege, die bei der Wasserung Schutz bieten
- Orthostatik-Anzuege darunter, basierend auf den Tests von Tag 8
- Finale Sitzjustierung und Sicherheitsgurte
Die Flugleitung in Houston fuehrte parallele Checks durch: Wetterbedingungen vor San Diego, Status der Bergungsflotte, Kommunikationsverbindungen.
19:33 EDT — Abtrennung des Servicemoduls
Goodbye, European Service Module
Etwa 20 Minuten vor dem Atmosphaereneintritt trennte Orion das European Service Module (ESM) — gebaut von Airbus Defence and Space fuer die ESA. Das ESM hatte Orion waehrend der gesamten Mission mit Antrieb, Strom, Wasser und Thermalkontrolle versorgt. Es verglueht beim Wiedereintritt in der Atmosphaere suedoestlich von Hawaii.
Das European Service Module ist der wichtigste europaeische Beitrag zum Artemis-Programm. Es basiert auf der Technologie des ATV (Automated Transfer Vehicle), das die ISS versorgte. Ohne das ESM wuerde Orion den Mond nicht erreichen — und nicht zurueckkehren.
14:53 EDT — Dritte Kurskorrektur
Um 14:53 EDT zuendete Orion seine Triebwerke fuer 8 Sekunden mit einer Geschwindigkeitsaenderung von 4,2 ft/s — die dritte und letzte Return Trajectory Correction. Danach war der Kurs endgueltig fixiert.
19:37 EDT — Crew Module Raise Burn
Nach der Servicemodul-Trennung fuehrte Orion einen 18-sekuendigen Burn durch, um den korrekten Eintrittswinkel einzustellen und den Hitzeschild fuer den Atmosphaereneintritt auszurichten.
19:53 EDT — Der Blackout
6 Minuten Funkstille
Bei einer Hoehe von 400.000 Fuss (122.000 m) trat Orion in die obere Atmosphaere ein — mit nahezu 35-facher Schallgeschwindigkeit und nur noch 1.956 Meilen vom Landepunkt entfernt. Innerhalb von Sekunden bildete sich ein Plasmaschild um die Kapsel — ionisiertes Gas mit Temperaturen von ueber 2.700 Grad Celsius am AVCOAT-Hitzeschild.
Fuer sechs Minuten war jede Kommunikation unmoeglich. Kein Funksignal dringt durch Plasma. In Houston wurde es still.
Orion nutzt den Skip-Entry-Wiedereintritt: Die Kapsel taucht in die Atmosphaere ein, wird teilweise abgebremst und durch den Auftrieb wieder nach oben gedrueckt — wie ein Stein, der ueber Wasser springt. Dann taucht sie ein zweites Mal ein fuer den finalen Abstieg. Diese Technik verteilt die Hitzebelastung ueber zwei Phasen und ermoeglicht eine praezisere Landung. Bei Artemis I wurde sie erfolgreich unbemannt getestet. Heute wird sie erstmals mit Menschen an Bord ausgefuehrt.
Die Crew erlebte waehrend des Blackouts bis zu 3,9 G — fast das Vierfache ihres Koerpergewichts drueckte sie in ihre Sitze. Der Orthostatik-Anzug half, den Kreislauf stabil zu halten.
20:03 EDT — Fallschirme
Die laengsten Minuten
Nach dem Blackout meldete sich Orion zurueck — Telemetrie war wieder da. Houston atmete auf.
Um 20:00 EDT stellte Houston den Funkkontakt wieder her — die Crew war wohlauf. Bei 23.400 Fuss um 20:03 EDT entfalteten sich die Bremsschirme und reduzierten die Geschwindigkeit auf 479 ft/s. Bei 5.400 Fuss um 20:04 EDT oeffneten sich die drei riesigen Hauptfallschirme und bremsten Orion auf unter 200 ft/s (136 mph). Zuletzt mit nur noch 20 mph setzte die Kapsel sanft auf dem Pazifik auf.
20:07 EDT — Splashdown
Orion setzte im Pazifischen Ozean vor der Kueste von San Diego auf. Der Aufprall war hart aber kontrolliert — die Kapsel tauchte kurz ein, richtete sich durch ihre Auftriebskoerper auf und schwamm stabil auf der Wasseroberflaeche.
In Houston brach Jubel aus. In Darmstadt beim ESA-Kontrollzentrum. In Saint-Hubert bei der CSA. Und in Wohnzimmern rund um die Welt.
Die Artemis-II-Mission war erfolgreich.
Bergung
Um 20:12 EDT naeherten sich Bergungsteams in Schlauchbooten der Kapsel. Die exakte Timeline:
- 21:34 EDT: Alle vier Astronauten aus Orion extrahiert
- 21:56 EDT: Crew per US-Militaerhubschrauber zur USS John P. Murtha geflogen
- 21:58 EDT: Crew sicher an Bord — medizinische Untersuchungen beginnen
- 4:27 Uhr (11. April): Orion im Welldeck der Murtha gesichert
Anschliessend ging es an Land und per Flugzeug zum Johnson Space Center in Houston, wo die Crew am 11. April ihre Familien wiedertraf.
Was Artemis II bedeutet
Artemis II war der erste bemannte Flug jenseits der niedrigen Erdumlaufbahn seit 1972. Die Mission hat bewiesen, dass Orion, das SLS und das European Service Module gemeinsam in der Lage sind, Menschen sicher zum Mond und zurueck zu bringen. Jedes System wurde unter realen Bedingungen validiert — die Grundlage fuer Artemis III, die erste Mondlandung seit Apollo 17.
Die Zahlen sprechen fuer sich:
- Weitester bemannter Flug der Geschichte: Orion flog weiter vom Mond entfernt als jedes andere bemannte Raumschiff zuvor
- Erster bemannter Skip-Entry-Wiedereintritt: Erfolgreich mit Menschen an Bord ausgefuehrt
- Erster Kanadier jenseits der Erdumlaufbahn: Jeremy Hansen schrieb Geschichte fuer die CSA
- Erste Frau auf einem Tiefraum-Flug: Christina Koch oefffnete die Tuer fuer Artemis III
Ausblick: Artemis III
Mit dem Erfolg von Artemis II ist der Weg frei fuer Artemis III — die erste Mondlandung seit 1972. Ziel: der lunare Suedpol, eine Region ewiger Schatten, in der Wassereis vermutet wird.
Die naechste Crew wird nicht nur den Mond umrunden — sie wird ihn betreten.
Commander Reid Wiseman, noch an Bord der USS Murtha, funkte eine letzte Nachricht: “We went to the Moon. We came back. And now we know: we can do it again.”
Quellen: NASA Artemis Blog, NASA Flight Day 10 Update (10. April 2026), NASA Mission Status Briefing, NASA Splashdown Coverage