Artemis I - Rückblick auf den historischen Testflug
Am 16. November 2022 um 7:47 Uhr MEZ bebte die Erde am Kennedy Space Center. Die Space Launch System-Rakete hob zum ersten Mal ab – 2.600 Tonnen, getragen von 8,8 Millionen Pfund Schub. Artemis I war der unbemannte Testflug, der eine einzige Frage beantworten sollte: Sind SLS und Orion bereit, Menschen zum Mond zu bringen?
Die Antwort kam 25 Tage, 10 Stunden und 53 Minuten später. Und sie lautete: Ja.
Artemis I – Mission auf einen Blick
- Missionsdauer
- 25 Tage, 10 Std., 53 Min.
- Strecke
- 2,25 Millionen km
- Max. Entfernung
- 432.210 km
- Mondannäherung
- 130 km
- Wiedereintritt
- ~39.400 km/h
- Start
- 16. November 2022
Der holprige Weg zum Start
Artemis I hatte einen langen Anlauf. Der erste Startversuch am 29. August 2022 scheiterte an einem defekten Temperatursensor an einem RS-25-Triebwerk – Abbruch vor dem Betanken. Fünf Tage später, beim zweiten Versuch, trat ein Wasserstoffleck an der Schnelltrennkupplung der Hauptstufe auf. Wieder Abbruch.
Dann kam Hurrikan Ian. Die Rakete musste zurück ins Vehicle Assembly Building gerollt werden – wochenlange Verzögerung. Erst am 16. November, beim dritten Anlauf, klappte es. Trotz kleinerer Wasserstofflecks entschied die Missionsleitung, den Countdown fortzusetzen. Die Entscheidung war richtig: Alle Systeme arbeiteten perfekt.
25 Tage im Deep Space
Die SLS brachte Orion in eine Erdumlaufbahn. Nach anderthalb Orbits zündete die ICPS-Oberstufe für den Trans-Lunar Injection Burn – Orion war auf dem Weg zum Mond. Unterwegs wurden zehn CubeSats ausgesetzt, kleine Satelliten für verschiedene Forschungszwecke: BioSentinel für biologische Strahlungsforschung, LunaH-Map zur Wasserstoff-Kartierung des Mondes und NEA Scout zum Test von Sonnensegel-Technologie.
Am sechsten Tag flog Orion in nur 130 Kilometern Höhe über die Mondoberfläche – näher als jedes Raumschiff seit Apollo. Ein präzises Triebwerksmanöver brachte die Kapsel in einen Distant Retrograde Orbit (DRO), eine weite Schleife um den Mond in bis zu 70.000 Kilometern Entfernung.
Am dreizehnten Tag erreichte Orion den weitesten Punkt von der Erde: 432.210 Kilometer. Weiter als jedes für Menschen gebaute Raumschiff je war. Von dort aus war die Erde nur noch ein kleiner blauer Punkt.
Der kritischste Moment
Nach einem zweiten Mondvorbeiflug begann der Rückflug. Am 11. Dezember 2022 kam der Moment der Wahrheit: der Wiedereintritt. Orion traf mit rund 39.400 km/h auf die Erdatmosphäre – deutlich schneller als bei einer Rückkehr von der ISS.
Der AVCOAT-Hitzeschild musste Temperaturen von bis zu 2.760 Grad Celsius standhalten. Orion nutzte dabei ein Skip-Entry-Manöver: ein kurzes Eintauchen in die Atmosphäre, gefolgt von einem erneuten Aufstieg, bevor der finale Abstieg begann. Dieses Manöver reduziert die G-Kräfte für zukünftige Crews erheblich.
Wasserung im Pazifik vor der Küste von Baja California – Punkt-Landung.
An Bord von Orion flogen Helga und Zohar – zwei Messpuppen des DLR-Experiments MARE mit über 5.600 Strahlungssensoren. Zohar trug eine Schutzweste, Helga nicht. Das Ergebnis: die detaillierteste Strahlungskarte für den Weg zum Mond.
Helga und Zohar – deutsche Forschung an Bord
An Bord von Orion saßen keine Menschen, aber zwei bemerkenswerte Passagiere: Helga und Zohar, zwei weibliche Messpuppen des deutschen MARE-Experiments (Matroshka AstroRad Radiation Experiment). Jede war mit über 5.600 Strahlungssensoren bestückt. Der entscheidende Unterschied: Zohar trug eine AstroRad-Strahlenschutzweste, Helga nicht.
Das Ergebnis: eine detaillierte Strahlungskarte für den Weg zum Mond – entwickelt vom DLR und der Israel Space Agency. Diese Daten sind entscheidend für den Schutz der Crew bei Artemis II und allen folgenden Missionen.
Was funktionierte – und was nicht
Die Erfolgsliste ist lang. Die SLS flog fehlerfrei. Orion überstand 25,5 Tage im Tiefen Raum ohne Probleme. Das europäische Servicemodul von Airbus Bremen funktionierte perfekt. Die Navigation war präzise, das Deep Space Network hielt die Kommunikation über die gesamte Distanz aufrecht.
Aber es gab auch Erkenntnisse, die nachdenklich stimmten. Der Hitzeschild zeigte unerwartete Erosionsmuster – Teile des AVCOAT-Materials lösten sich anders ab als vorhergesagt. Die NASA untersuchte dies intensiv, bevor sie Artemis II für den Flug mit Crew freigab. Mehrere der zehn CubeSats konnten nicht aktiviert werden, weil sie zu lange gelagert worden waren. Und die wiederholten Startabbrüche zeigten, wie empfindlich das System gegenüber Wetter und technischen Problemen ist.
Der Grundstein
Artemis I war kein Spektakel für die Öffentlichkeit – keine Crew, keine Mondlandung, keine Fußabdrücke im Staub. Aber es war der Grundstein für alles, was folgt. Artemis II wird 2026 die gleiche Flugbahn fliegen, aber mit vier Astronaut:innen an Bord. Artemis III bringt bis 2028 die erste Frau auf den Mond. Und langfristig ebnet Artemis I den Weg für eine nachhaltige Mondpräsenz und die Vorbereitung für Mars.
Ohne diese 25,5 Tage im November und Dezember 2022 wäre nichts davon möglich. Die Technik hat bewiesen, dass sie bereit ist. Jetzt folgen die Menschen.