Behind the Scenes: Was hinter einem Mondstart wirklich steckt
Wenn die SLS-Rakete auf dem Startplatz steht und die Kameras der Welt auf Cape Canaveral gerichtet sind, sieht man nur die Spitze des Eisbergs. Hinter jedem Artemis-Start stecken Tausende Menschen, jahrelange Vorbereitung und eine Infrastruktur, die selbst erfahrene Raumfahrt-Fans überrascht.
Am 17. Januar 2026 rollte die vollständig montierte SLS-Rakete mit dem Orion-Raumschiff zum Launch Pad 39B – ein Moment, der Monate akribischer Arbeit krönte. Doch was passiert eigentlich hinter den Kulissen?
Artemis II – Startvorbereitung
- Rollout
- 17. Januar 2026
- Strecke VAB → Pad
- 6,8 km in 8–12 Std.
- Wet Dress Rehearsal
- 3. Februar 2026
- Beteiligte
- Über 25.000 Menschen
- Treibstoff WDR
- 2,7 Mio. Liter
- Geplanter Start
- März 2026
Der Rollout: Eine Reise von 6,8 Kilometern
Der Weg vom Vehicle Assembly Building (VAB) zum Launch Pad 39B ist nur 6,8 km lang – aber er dauert 8 bis 12 Stunden. Die SLS-Rakete wird auf dem Crawler-Transporter 2 bewegt, einem 2.700 Tonnen schweren Kettenfahrzeug aus der Apollo-Ära, das für das Artemis-Programm modernisiert wurde.
Maximal 1,6 km/h – langsamer als ein Fußgänger. Über 30 Techniker:innen begleiten den Transport zu Fuß. Hunderte Sensoren messen Vibrationen, Neigung und Windgeschwindigkeit. Der Crawler verbraucht ~350 Liter Diesel pro Kilometer.
Auf dem Pad angekommen, wird die Rakete mit dem Mobile Launcher verbunden – einer 100 Meter hohen Startplattform, die Treibstoff, Strom, Daten und Klimatisierung liefert.
Die unsichtbare Armee: Wer Artemis möglich macht
Hinter Artemis II stehen nicht nur die vier Astronaut:innen, die in die Kameras lächeln. Es ist eine Armee von über 25.000 Menschen, die an verschiedenen Standorten arbeiten:
~500 Ingenieur:innen im Launch Control Center überwachen den Countdown. Pad-Teams arbeiten bis wenige Stunden vor dem Start an der Rakete. Die Closeout Crew schließt die Orion-Luke – sie sind die letzten Menschen, die die Astronaut:innen sehen. Recovery-Teams warten im Pazifik auf die Wasserung.
Mission Control ist rund um die Uhr besetzt: Flugdirektor:innen, CAPCOM, Flugdynamik. Die Crew trainiert in Simulatoren, unter Wasser und mit Notfallprozeduren. Ein medizinisches Team überwacht die Crew-Gesundheit vor, während und nach der Mission.
Airbus Bremen baut das ESM-2 (Antrieb + Energie). Northrop Grumman liefert die Feststoffbooster. Aerojet Rocketdyne die RS-25-Triebwerke. Lockheed Martin die Orion-Kapsel mit Hitzeschild und Avionik.
Wet Dress Rehearsal: Die Generalprobe
Am 3. Februar 2026 absolvierte die NASA den lang erwarteten Wet Dress Rehearsal (WDR) – eine 49-stündige Generalprobe, die den gesamten Countdown simuliert:
Betankung
~2,7 Millionen Liter kryogener Treibstoff werden in die Tanks gepumpt: flüssiger Wasserstoff bei -253 °C und flüssiger Sauerstoff bei -183 °C.
Countdown-Simulation
Alle Systeme durchlaufen die komplette Startsequenz – exakt wie am echten Starttag.
Abbruch bei T-0
Der Countdown wird kurz vor dem simulierten Start gestoppt. Die Triebwerke zünden nicht.
Entleerung und Auswertung
Treibstoff wird wieder abgelassen und recycelt. Die gewonnenen Daten werden ausgewertet.
Ungewöhnlich niedrige Temperaturen in Florida verzögerten die Betankung. Bei T-5 Minuten stoppte der automatische Countdown wegen eines Wasserstofflecks. Ein Ventil an der Orion-Luke musste nachgezogen werden. Trotzdem: Der Test war erfolgreich – alle Tanks wurden vollständig befüllt.
Das unsichtbare Netzwerk: Kommunikation im Deep Space
Eine der größten Herausforderungen, die kaum Schlagzeilen macht: Wie kommuniziert man mit einem Raumschiff, das 400.000 km entfernt ist?
Die NASA betreibt drei Bodenstationen rund um den Globus – das Deep Space Network (DSN) – die ständige Kommunikation mit Orion gewährleisten:
Deep Space Network
- Goldstone
- Kalifornien, USA – 70 m
- Madrid
- Robledo, Spanien – 70 m
- Canberra
- Australien – 70 m
Die drei Stationen sind so verteilt, dass immer mindestens eine Sichtlinie zu Orion hat – egal wo sich die Erde gerade dreht.
Artemis II testet erstmals optische Datenübertragung per Laserlicht: 10–100× höhere Datenraten als Funk, HD-Video vom Mond in Echtzeit und die Grundlage für Mars-Kommunikation.
Die Infrastruktur am Pad: Ein eigenes Ökosystem
Launch Pad 39B ist mehr als eine Betonplatte mit einem Turm. Es ist ein komplexes Ökosystem, das die Rakete am Leben hält:
Launch Pad 39B
- Strom
- Eigene Generatoren (Megawatt)
- Schallschutz
- 1,1 Mio. Liter Wasserturm
- Blitzschutz
- 3 × 180 m hohe Masten
- Flame Trench
- 137 m lang, 3.000 °C
Unter der Startplattform befindet sich ein Flammenkanal, der die 3.000 °C heißen Abgase der SLS beim Start ableitet. Er ist 137 Meter lang und mit hitzebeständigem Beton ausgekleidet, der regelmäßig erneuert werden muss. Orion wird auf dem Pad klimatisiert, um die empfindliche Elektronik zu schützen.
Die letzten Stunden vor dem Start
Die dramatischsten Momente spielen sich in den letzten Stunden ab – und die meisten davon sieht niemand:
T-38 Stunden: Countdown beginnt
Systeme werden hochgefahren, alle Teams nehmen ihre Positionen ein.
T-10 Stunden: Betankung
Kryogene Treibstoffe fließen in die Tanks – flüssiger Wasserstoff und Sauerstoff.
T-6 Stunden: Crew-Vorbereitung
Die Crew wird geweckt, medizinischer Check, letztes Briefing.
T-4 Stunden: Raumanzüge
Die Crew zieht die ACES-Raumanzüge (Advanced Crew Escape Suit) an.
T-3 Stunden: Transfer zum Pad
Im Crew Transport Vehicle geht es zum Launch Pad 39B.
T-2,5 Stunden: Einstieg in Orion
Die Crew betritt Orion. Die Closeout Crew sichert die Luke – die letzten Handgriffe.
T-10 Minuten: Automatische Sequenz
Die automatische Startsequenz übernimmt. Letzte Go/No-Go-Entscheidung.
T-0: Liftoff
RS-25-Triebwerke zünden bei T-6,4 Sekunden. SRB-Zündung bei T-0 – kein Zurück mehr.
Warum das alles wichtig ist
Hinter jedem Start stehen Tausende von Menschen, die ihr Bestes geben. Das ist es, was Raumfahrt ausmacht – nicht eine einzelne Person, sondern ein Team.
Die „Behind the Scenes”-Arbeit bei Artemis ist mehr als Logistik. Sie ist der Beweis, dass Raumfahrt eine kollektive Leistung ist. Kein einzelner Held, keine einzelne Organisation – sondern Tausende von Menschen in Dutzenden von Ländern, die zusammenarbeiten, um etwas zu erreichen, das größer ist als sie selbst.
Wenn Artemis II im März 2026 startet, werden die Kameras auf die Rakete gerichtet sein. Aber die wahre Geschichte spielt sich in den Kontrollräumen, Werkstätten und Testständen ab – bei den Menschen, die nie in die Kameras schauen, aber ohne die kein einziger Start möglich wäre.