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Startplätze der Raumfahrt – Die wichtigsten Weltraumbahnhöfe der Welt

Von Cape Canaveral bis Wenchang: Eine Übersicht über die bedeutendsten Startplätze der Welt, ihre Geschichte und warum der Standort so entscheidend ist.

Startplätze der Raumfahrt – Die wichtigsten Weltraumbahnhöfe der Welt

Jede Rakete braucht einen Ort, von dem sie starten kann. Aber ein Startplatz ist weit mehr als eine Betonplatte mit einem Turm daneben. Weltraumbahnhöfe sind hochkomplexe Infrastrukturen – mit Montagegebäuden, Treibstofflagern, Kontrollzentren, Tracking-Stationen und Sicherheitszonen, die sich über Dutzende Quadratkilometer erstrecken. Und ihr Standort ist kein Zufall: Breitengrad, Küstennähe, politische Stabilität und Wetterbedingungen bestimmen, was von wo gestartet werden kann.

Startplätze weltweit

Aktive Startplätze
~30 weltweit
Meiste Starts (2024)
Cape Canaveral (USA)
Ältester aktiver
Baikonur (seit 1957)
Nächster am Äquator
Kourou (5° N)
Artemis-Startplatz
KSC, LC-39B
Höchste Startfrequenz
SpaceX – alle 2-3 Tage

Warum der Standort zählt

Die Physik diktiert, wo Raketen am effizientesten starten. Die Erdrotation gibt einer Rakete am Äquator einen kostenlosen Geschwindigkeitsbonus von rund 465 m/s – das spart Treibstoff und erhöht die Nutzlast. Deshalb liegen die meisten Startplätze möglichst nah am Äquator.

Ebenso wichtig: Die Flugbahn nach dem Start muss über unbewohntes Gebiet führen – idealerweise über offenes Meer. Fällt eine Stufe ab oder geht etwas schief, dürfen keine Menschen gefährdet werden. Deshalb starten die meisten Raketen nach Osten über den Ozean.

Für polare Orbits (z.B. Erdbeobachtungssatelliten) wird nach Süden gestartet – hier eignen sich Standorte wie Vandenberg in Kalifornien oder Plesetsk in Russland, die freie Flugbahnen über den Ozean bzw. unbewohntes Gebiet nach Süden bieten.

Kennedy Space Center – Wo Artemis startet

Standort: Merritt Island, Florida, USA (28,5° N) Betreiber: NASA Aktiv seit: 1962

Das Kennedy Space Center (KSC) ist der ikonischste Startplatz der Welt. Von hier starteten alle Apollo-Mondmissionen, alle Space-Shuttle-Flüge und jetzt das Artemis-Programm. Der Startplatz LC-39B – ursprünglich für Apollo gebaut, dann für das Shuttle umgebaut – wurde erneut modifiziert und dient nun als Heimat der SLS-Rakete.

Das KSC liegt an der Atlantikküste Floridas, was östliche Starts über den Ozean ermöglicht. Der Breitengrad von 28,5° bietet einen guten Kompromiss zwischen Äquatornähe und logistischer Erreichbarkeit. Das Vehicle Assembly Building (VAB) – mit 160 Metern Höhe eines der größten Gebäude der Welt – ist der Ort, an dem die SLS zusammengebaut und auf den mobilen Startplattformen zum Pad gerollt wird.

Direkt nebenan liegt die Cape Canaveral Space Force Station, von der SpaceX, ULA und andere kommerzielle Anbieter starten. Zusammen bilden sie den aktivsten Startplatz-Komplex der Welt.

Crawler-Transporter

Die SLS-Rakete wird auf einer mobilen Startplattform vom VAB zum Pad transportiert – auf einem der beiden Crawler-Transporter, die bereits für Apollo und das Shuttle im Einsatz waren. Die Fahrt über die 6,8 km lange Strecke dauert etwa 8 bis 12 Stunden bei einer Geschwindigkeit von 1,6 km/h. Die Crawler sind die größten selbstfahrenden Landfahrzeuge der Welt.

Baikonur – Der Pionier

Standort: Kasachstan (45,6° N) Betreiber: Russland (gepachtet von Kasachstan) Aktiv seit: 1957

Von Baikonur startete am 4. Oktober 1957 der erste Satellit der Geschichte – Sputnik 1. Hier hob Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch ins All ab. Baikonur ist der älteste und historisch bedeutendste Startplatz der Welt.

Die Anlage liegt mitten in der kasachischen Steppe – ursprünglich gewählt wegen der Abgeschiedenheit und der freien Flugbahnen nach Osten. Russland pachtet das Gelände seit dem Zerfall der Sowjetunion von Kasachstan für rund 115 Millionen Dollar pro Jahr. Von hier starten bis heute Sojus-Raketen mit Crews zur ISS und Frachttransporte.

Allerdings verliert Baikonur an Bedeutung. Russland baut mit dem Kosmodrom Wostotschny im Fernen Osten einen eigenen Startplatz auf russischem Boden, um die Abhängigkeit von Kasachstan zu reduzieren.

Guiana Space Centre (Kourou) – Europas Tor zum All

Standort: Kourou, Französisch-Guayana (5,2° N) Betreiber: CNES / ESA / Arianespace Aktiv seit: 1968

Kourou ist der Startplatz der Europäischen Weltraumorganisation und liegt nur 5 Grad nördlich des Äquators – ein enormer physikalischer Vorteil. Raketen, die von hier starten, erhalten den maximalen Rotationsbonus der Erde und können schwerere Nutzlasten in den geostationären Orbit bringen als von jedem anderen westlichen Startplatz.

Von Kourou starteten alle Ariane-Raketen – von Ariane 1 (1979) bis zur aktuellen Ariane 6, die 2024 ihren Erstflug absolvierte. Auch die russische Sojus (bis 2022) und die italienische Vega starteten von hier.

Die Lage in Südamerika, umgeben von Regenwald und Ozean, bietet sichere Flugbahnen in alle Richtungen. Frankreich unterhält eine Militärpräsenz zum Schutz der Anlage – Kourou ist strategisch einer der wertvollsten Orte der europäischen Raumfahrt.

Wenchang – Chinas modernster Startplatz

Standort: Hainan, China (19,6° N) Betreiber: CNSA / CASC Aktiv seit: 2016

Wenchang ist Chinas neuester und südlichster Startplatz – strategisch positioniert auf der Insel Hainan, um den Äquator-Vorteil zu nutzen. Von hier starten die schweren Langer Marsch 5 und Langer Marsch 7 Raketen, die Chinas Raumstation Tiangong versorgen und die Chang’e-Mondmissionen tragen.

Im Gegensatz zu Chinas älteren Startplätzen im Landesinneren (Jiuquan, Xichang, Taiyuan) liegt Wenchang an der Küste – abgeworfene Raketenstufen fallen ins Meer statt auf bewohntes Gebiet. Das war ein langjähriges Problem der chinesischen Raumfahrt: Bei früheren Starts fielen Booster-Stufen regelmäßig auf Dörfer im Landesinneren.

Wenchang wird auch der Startplatz für Chinas geplante bemannte Mondmissionen mit der neuen Langer Marsch 10 Rakete sein.

Weitere wichtige Startplätze

Vandenberg Space Force Base (USA)

An der kalifornischen Küste gelegen (34,7° N), spezialisiert auf polare und sonnensynchrone Orbits. Raketen starten hier nach Süden über den Pazifik. SpaceX nutzt Vandenberg regelmäßig für Starlink-Missionen und Erdbeobachtungssatelliten. Auch die erste Landung einer Falcon-9-Erststufe an der Westküste fand hier statt.

Tanegashima Space Center (Japan)

Japans Hauptstartplatz auf einer kleinen Insel südlich von Kyushu (30,4° N). Von hier starten die H-IIA, H3 und zukünftige Raketen von JAXA und Mitsubishi Heavy Industries. Tanegashima gilt als einer der schönsten Startplätze der Welt – umgeben von Stränden und subtropischer Vegetation.

Satish Dhawan Space Centre (Indien)

Auf der Insel Sriharikota an der Ostküste Indiens (13,7° N). Startplatz der PSLV und GSLV Raketen von ISRO. Von hier startete Chandrayaan-3, das 2023 erfolgreich am Mond-Südpol landete. Indiens Raumfahrtprogramm ist bekannt für seine Kosteneffizienz – die Mars-Mission Mangalyaan kostete weniger als der Film „Gravity”.

Starbase Boca Chica (USA)

SpaceX’ eigener Startplatz an der Südspitze von Texas (25,9° N). Hier wird das Starship – die größte und leistungsstärkste Rakete aller Zeiten – entwickelt und getestet. Boca Chica ist kein traditioneller Weltraumbahnhof, sondern eher eine Kombination aus Fabrik, Testgelände und Startplatz. Wenn Starship den regulären Betrieb aufnimmt, könnte Boca Chica zum aktivsten Startplatz der Welt werden.

Schwimmende Startplätze

SpaceX plant zusätzlich schwimmende Startplattformen im Meer – umgebaute Ölbohrplattformen, die Starship-Starts von der Küste weg verlagern und die Lärmbelastung für Anwohner reduzieren sollen. Auch das Konzept von Raketenlandungen auf Plattformen im Ozean (wie die Drohnenschiffe „Just Read the Instructions” und „Of Course I Still Love You”) hat SpaceX bereits perfektioniert.

Kosmodrom Wostotschny (Russland)

Russlands neuer Startplatz im Fernen Osten (51,9° N), gebaut als Ersatz für die Abhängigkeit von Baikonur. Seit 2016 aktiv, aber der Ausbau verzögert sich. Hier soll langfristig die neue russische Schwerlastrakete Angara A5 starten.

Startplätze im Vergleich

StartplatzLandBreitengradHauptraketenBesonderheit
KSC / Cape CanaveralUSA28,5° NSLS, Falcon 9, VulcanArtemis-Startplatz, höchste Frequenz
BaikonurKasachstan45,6° NSojus, ProtonÄltester aktiver Startplatz
KourouFranz.-Guayana5,2° NAriane 6, Vega-CNächster am Äquator (westlich)
WenchangChina19,6° NCZ-5, CZ-7Chinas Mondmissions-Startplatz
VandenbergUSA34,7° NFalcon 9, Delta IVPolare Orbits
TanegashimaJapan30,4° NH3, H-IIAJapans Hauptstartplatz
SriharikotaIndien13,7° NPSLV, GSLVChandrayaan-Startplatz
Boca ChicaUSA25,9° NStarshipGrößte Rakete der Welt
WostotschnyRussland51,9° NSojus, AngaraRusslands neuer Heimatstartplatz

Die Zukunft: Mehr Startplätze, mehr Starts

Die Raumfahrt boomt – und damit der Bedarf an Startinfrastruktur. 2024 gab es weltweit über 220 Orbitalstarts, mehr als doppelt so viele wie noch 2018. SpaceX allein startete über 130 Mal. Neue Startplätze entstehen in Schottland (SaxaVord), Australien (Arnhem Space Centre), Südkorea (Naro Space Center) und Neuseeland (Rocket Lab’s Launch Complex 1 auf der Mahia-Halbinsel).

Der Trend geht zu kleineren, spezialisierten Startplätzen für die wachsende Flotte von Small-Sat-Launchern – und gleichzeitig zu immer größerer Infrastruktur für Schwerlastraketen wie SLS und Starship. Die Weltraumbahnhöfe der Welt sind die Tore zum Kosmos – und sie waren nie so beschäftigt wie heute.