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SLS vs. Starship – Der Kampf der Schwerlastraketen

NASAs Space Launch System gegen SpaceX' Starship: Zwei grundverschiedene Philosophien für den Weg zum Mond und darüber hinaus.

SLS vs. Starship – Der Kampf der Schwerlastraketen

Zwei Raketen, ein Ziel: den Mond. Doch der Weg dorthin könnte unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite das Space Launch System (SLS) – NASAs staatlich entwickelte Schwerlastrakete, gebaut von Boeing und Northrop Grumman, finanziert vom Kongress, ein Erbe des Space-Shuttle-Programms. Auf der anderen Seite Starship – SpaceX’ vollständig wiederverwendbare Megarakete, privat finanziert, iterativ entwickelt, mit dem erklärten Ziel, die Raumfahrt zu revolutionieren.

Beide Raketen sind für Artemis unverzichtbar. Und beide repräsentieren fundamental verschiedene Philosophien, wie Raumfahrt funktionieren sollte.

Die Kontrahenten

SLS Nutzlast (LEO)
95 Tonnen (Block 1)
Starship Nutzlast (LEO)
~150 Tonnen
SLS Erstflug
November 2022 (Artemis I)
Starship Erstflug
April 2023 (IFT-1)
SLS Kosten/Start
~2,2 Milliarden Dollar
Starship Kosten/Start (Ziel)
~10 Millionen Dollar

Zwei Philosophien

SLS – Bewährt und teuer

Das SLS ist eine Wegwerfrakete. Nach jedem Start landen die Booster im Ozean, die Oberstufe verglüht. Das Konzept ist bewährt – so funktionierte Raumfahrt seit den 1960er Jahren. Die Technologie basiert auf erprobten Shuttle-Komponenten: Die RS-25-Triebwerke flogen bereits auf dem Space Shuttle, die Feststoffbooster sind verlängerte Versionen der Shuttle-SRBs.

Der Vorteil: Zuverlässigkeit. Das SLS hat mit Artemis I bewiesen, dass es funktioniert – Orion flog zum Mond und zurück, ohne nennenswerte Probleme. Der Nachteil: Jeder Start kostet rund 2,2 Milliarden Dollar, und die Produktionsrate ist auf ein bis zwei Starts pro Jahr begrenzt. Die RS-25-Triebwerke – vier Stück pro Flug – werden nach einmaligem Gebrauch weggeworfen. Triebwerke, die ursprünglich für 55 Shuttle-Flüge ausgelegt waren.

Starship – Ambitioniert und riskant

Starship verfolgt einen radikal anderen Ansatz: Vollständige Wiederverwendbarkeit. Sowohl die erste Stufe (Super Heavy Booster) als auch die zweite Stufe (Starship) sollen nach dem Flug landen und wiederverwendet werden. SpaceX hat dieses Prinzip bereits mit der Falcon 9 perfektioniert – einzelne Booster sind über 20 Mal geflogen.

Wenn Starship wie geplant funktioniert, sinken die Startkosten auf einen Bruchteil der SLS-Kosten. SpaceX peilt langfristig unter 10 Millionen Dollar pro Start an – weniger als ein Zweihundertstel der SLS-Kosten. Das würde die Ökonomie der Raumfahrt fundamental verändern.

Noch nicht bewiesen

Starship hat seine volle Leistungsfähigkeit noch nicht demonstriert. Die bisherigen Testflüge zeigten beeindruckende Fortschritte – einschließlich der Landung des Super Heavy Boosters in den „Chopstick”-Armen des Startturms – aber eine vollständige Mission mit Nutzlast, Wiedereintritt und Landung beider Stufen steht noch aus.

Die Zahlen

MerkmalSLS Block 1Starship
Höhe98 m121 m
Startschub39.000 kN74.000 kN
Nutzlast LEO95 t~150 t
Nutzlast zum Mond27 t (TLI)~100 t (mit Betankung)
Triebwerke 1. Stufe2 SRBs + 4 RS-2533 Raptor
TreibstoffLOX/LH₂ + FeststoffLOX/Methan
WiederverwendbarNeinJa (geplant)
Kosten pro Start~2,2 Mrd. $~10 Mio. $ (Ziel)
Startrate (Ziel)1–2/JahrMehrmals pro Woche

Artemis braucht beide

Hier wird es interessant: Für das Artemis-Programm sind beide Raketen vorgesehen – mit unterschiedlichen Rollen.

SLS transportiert die Orion-Kapsel mit der Crew zum Mond. Orion ist das einzige Raumschiff, das für den Wiedereintritt bei Mondgeschwindigkeit (~39.400 km/h) zertifiziert ist. SLS bringt Orion direkt in den Mondtransferorbit – ohne Zwischenschritte.

Starship HLS (Human Landing System) dient als Mondlander. Es fliegt unbemannt zum Mond, wartet dort im Orbit, und die Crew steigt von Orion um. Nach der Landung und dem Aufenthalt auf der Oberfläche bringt Starship HLS die Crew zurück zum Orion im Mondorbit.

Das Problem: Starship HLS muss vor der Mondmission im Erdorbit mehrfach betankt werden – Schätzungen gehen von 10 bis 16 Betankungsflügen aus. Jeder Betankungsflug erfordert einen eigenen Starship-Start. Das ist logistisch extrem anspruchsvoll und wurde noch nie demonstriert.

Warum nicht alles mit Starship?

Theoretisch könnte Starship die gesamte Artemis-Mission übernehmen – Crew und Landung. Aber Starship ist noch nicht für bemannte Flüge zertifiziert, hat keinen Hitzeschild für Mondgeschwindigkeits-Wiedereintritt bewiesen und müsste ein komplett neues Lebenserhaltungssystem erhalten. Orion ist dafür bereits gebaut und getestet. Pragmatismus schlägt Eleganz.

Die Kostenfrage

Die Kosten sind der Elefant im Raum. Das SLS-Programm hat seit seiner Genehmigung 2010 über 23 Milliarden Dollar für Entwicklung gekostet – plus rund 2,2 Milliarden pro Start. Der NASA-Generalinspekteur hat die Kosten wiederholt kritisiert.

SpaceX hat Starship mit einem Bruchteil davon entwickelt – geschätzt 3 bis 5 Milliarden Dollar, größtenteils privat finanziert. Selbst wenn die tatsächlichen Startkosten deutlich über dem Ziel von 10 Millionen liegen, wäre Starship um Größenordnungen günstiger als SLS.

Kritiker des SLS argumentieren, dass die Rakete ein politisches Projekt ist – designed to be built, not to fly. Die Produktionslinien verteilen sich auf Wahlkreise in Alabama, Louisiana, Utah und Mississippi. Der Kongress hat wiederholt Budgeterhöhungen für SLS bewilligt, die die NASA nicht angefordert hatte.

Befürworter kontern, dass SLS die einzige einsatzbereite Schwerlastrakete ist, die Crew zum Mond bringen kann – hier und jetzt. Starship ist ein Versprechen; SLS ist Realität.

Methan vs. Wasserstoff

Ein oft übersehener Unterschied: der Treibstoff. SLS verwendet flüssigen Wasserstoff (LH₂) und flüssigen Sauerstoff (LOX) in der Kernstufe – plus Feststofftreibstoff in den Boostern. Starship setzt auf Methan (CH₄) und LOX.

Methan hat entscheidende Vorteile: Es ist dichter als Wasserstoff (kleinere Tanks), billiger, einfacher zu handhaben und – besonders wichtig für Mars – theoretisch auf dem Mars aus CO₂ und Wasser herstellbar (Sabatier-Reaktion). Wasserstoff bietet zwar einen höheren spezifischen Impuls, ist aber extrem schwer zu lagern (muss auf minus 253°C gekühlt werden) und neigt zum Auslaufen durch kleinste Ritzen.

SpaceX’ Entscheidung für Methan war eine bewusste Weichenstellung Richtung Mars – und ein Bruch mit der Tradition der NASA, die seit den 1960er Jahren auf Wasserstoff setzt.

Die Zukunft

Das SLS wird Artemis-Missionen fliegen – mindestens bis Artemis IV oder V. Aber seine langfristige Zukunft ist ungewiss. Wenn Starship seine Versprechen einlöst – volle Wiederverwendbarkeit, niedrige Kosten, hohe Startfrequenz – wird es schwer zu rechtfertigen sein, 2,2 Milliarden Dollar pro SLS-Start auszugeben.

Die NASA prüft bereits Alternativen. Blue Origins New Glenn und die geplante Schwerlastversion könnten Teile der SLS-Rolle übernehmen. Und SpaceX arbeitet an einer Version von Starship, die Crew direkt zum Mond und zurück bringen könnte – ohne Orion, ohne SLS.

Aber Raumfahrt ist kein Sprint, sondern ein Marathon. SLS fliegt heute. Starship wird morgen fliegen. Und der Mond wartet auf beide.